Wie heißt es doch? Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Noch besser werden sie, kommt Unerwartetes hinzu. 440 Kilometer Landweg haben die 26 Volksstimme-Leser hinter sich gebracht, um den „Weinzauber entlang der Mosel“ zu erleben. Wer aber hätte geahnt, dass sie hier eine beinahe-sachsen-anhaltische schwimmende Exklave betreten?

Eine Sachsen-Anhalt-Exklave in Nordrhein-Westfalen? Mitten auf Rhein und Mosel? Ja. Genau. Mag das Hotelschiff auch MS Alena heißen und unter maltesischer Flagge fahren – dass es läuft an Bord, dafür sorgt eine klare sachsen-anhaltische Hand. Genauer gesagt: mindestens sechs. Sie gehören Klaus Mansfeld, seines Zeichens Kapitän der Alena, Ives Opel, dem Maître d’Hôtel des Bord-Restaurants „Vier Jahreszeiten“, und Chef de Cuisine Christian Zacharias. Ihre Wurzeln: Friedrichsbrunn, Thale, Naumburg.

Diese drei Männer, sie könnten sie liefern, die Slogans für Sachsen-Anhalt-Werbung in anderen Bundesländern: „Sachsen-Anhalt übernimmt auf Rhein und Mosel“. Oder: „Bequem urlauben? In Sachsen-Anhalts Händen sind sie gut aufgehoben.“ Zugegeben, echte Zünder sind die Slogans nicht. Als Anekdote für das nächste Tischgespräch der Volksstimme-Reisenden taugt die „Sachsen-Anhalt-Connection“ an Bord aber allemal. Und sie wirft die Frage auf: Wer sind diese drei Männer, die entfernt der Heimat eine schippernde Heimat bilden?

Eine Sachsen-Anhalt-Geschichte: Vom Autobauer zum Maître

Für sich genommen, mag jeder der drei Dirigent im eigenen Aufgabenfeld sein. Zugleich aber sind sie Orchester. Zusammengefügt sorgt ihr Wirken für den Wohlklang an Bord, dafür, dass die Reise Wohlgefühl ist: die sichere Fahrt auf Rhein und Mosel, dirigiert vom Kapitän; das gute Essen, kreiert vom Küchenchef, den selbst die unerwartete Anwesenheit eines Veganers nicht aus dem Konzept bringt; und jede Mahlzeit behaglich, mit vollem Einsatz und kessen Sätzen umsorgt vom Maître d’Hôtel.

Was die drei verbindet, ist nicht nur die Arbeit an Bord der Alena. Oder das Brennen für die eigene Aufgabe. Es ist auch die persönliche Geschichte: Bei Ives Opel und Christian Zacharias liegt die Gemeinsamkeit in der Gastronomie. Bei Klaus Mansfeld und Ives Opel ist es eine Familienfreundschaft.

Gastronomie – seit er 14 Jahre alt war, hat Ives Opel in diesem Bereich gearbeitet. In einem Familienbetrieb in Friedrichsbrunn. Diesem Arbeitsfeld bleibt er treu. Bis 2014. „Dann war es irgendwie Zeit für eine Veränderung“, erzählt der Thaler. Was die Arbeit betrifft, vollzieht er einen harten Bruch. Ives Opel geht in den Automobilbau, montiert Reifen, Airbags, Auto-Cockpits. Dann wieder der Wandel: 2017 entlässt sein Arbeitgeber 450 Mitarbeiter. Auch der gebürtige Thaler ist betroffen. Und nun? Da kommt eine Familienfreundschaft, die eine Telefonnummer vermittelt, gerade richtig. Vermittelt hat sie der Friedrichsbrunner Klaus Mansfeld. Und Ives Opel heuert in der Kreuzschifffahrt an. Der Einstieg beginnt im unteren Aufgabenrang – er trägt Tabletts.

Das war 2017. Heute, ein knappes Jahr später, ist er Maître d’Hôtel, hat sich hochgearbeitet – erst zum Stationskellner und dann zum Oberkellner. Wie das so schnell geht? „Was zählt, ist Leistung.“ Und: „Man muss das im Blut haben, sonst funktioniert dieser Beruf nicht.“ Er hat es im Blut. Er hat das offene Ohr, für jeden noch so kleinen oder großem Wunsch am Gast. Bei den alltäglichen Aufgaben im Bord-Restaurant immer ein Lächeln im Gesicht. Und ist wieselflink unterwegs – kaum am Tisch, schon ist mit ihm das benutzte Geschirr verschwunden. Beinahe geräuschlos. Zu drei Mahlzeiten im Restaurant und allem was davor und danach dazu gehört.

Neun Monate lang geht das so. So lange dauert die Saison auf dem Flusskreuzfahrtschiff. Wohin es danach geht? Für manchen von Ives Opels Kollegen in die nächste Saison oder zu einer anderen Aufgabe. Für Ives? Noch hat er darauf keine Antwort …

Die Geschichte einer sachsen-anhaltischen Leidenschaft

Eine Antwort hat hingegen Christian Zacharias. Zumindest bezogen auf die nächsten Tage. Wie die Reisegruppe der Volksstimme wird auch er am 5. September von Bord gehen – allerdings nur für zehn Tage. Wann er zuletzt im heimischen Naumburg war? „Im Januar, Februar“, erzählt der 37-Jährige am Rande einer Absprache für einen besonderen Ernährungswunsch. Aber zu Hause, das ist er vor allem in der Küche. Was Ives Opel für die Aufgabe am Gast im Blut liegt, das brennt für Christian Zacharias an anderer Stelle: „Die Liebe zum Kochen, die brennt im Herzen.“ Für ihn ist Kochen nicht Berufung. Es ist eine Lebensart.

Und bei dem Naumburger brennt diese leidenschaftliche Lebensart seit mehr als 20 Jahren. Drei Jahre lang – von 1997 bis 2000 – hat er sein Küchenhandwerk gelernt. An Land, wohlgemerkt. Fünf Jahre hat er anschließend im Hilton Frankfurt gearbeitet. Dann entflammt die Reiselust, der unbedingte Wunsch, die unterschiedlichen Kulturen dieser Welt kennenzulernen. Deshalb ist Christian Zacharias seit 16 Jahren beruflich auch ein „Kreuzfahrer“, mehrere Jahre davon auf hoher See. Seit vier Jahren ist er in den Bordküchen von Phönix-Reisen umtriebig – zuletzt auf der Alina, nun auf der 2018 getauften Alena – in dieser besonderen Sachsen-Anhalt-Konstellation.

Und wieder zeigt sich, was eine Volksstimme-Reisende schon zu Beginn dieser Kreuzfahrt feststellte: Flusskreuzfahrten bringen die Menschen zusammen. Die Alena trägt dazu bei – mit ihrer Crew aus 13 Nationen, im Restaurant-Betrieb und auf den Tellern der Gäste, die die kulinarische Handschrift des entdeckungslustigen, kreativen, weltoffenen Christian Zacharias aus Naumburg tragen. Kein Wunder also, dass ihn ein unerwarteter Wunsch nach veganer Kost nicht aus der Ruhe bringt …