Freitagmorgen auf der MS Alena – es ist kurz vor halb fünf. Ein schneller Schritt auf dem mit dickem Teppichboden ausgelegten Schiffskorridor hat den Leichtschläfer geweckt. Für die Crew heißt es jetzt: voll zupacken. Nach einer ruhigen Nacht am Anleger von Rüdesheim setzt sich das Flusskreuzfahrtschiff zum ersten Mal wahrnehmbar kraftvoll in Szene: Die Motoren laufen an, die Vibrationen der Maschine werden spürbar – und das Plätschern nahe der Wasserlinie ist wieder zu hören.

Gegen 4.43 Uhr werden die Vibrationen stärker, das Brummen der Motoren lauter. Ein wichtiges Mannöver hat begonnen: Mit aller Macht wird das Hotelschiff vom Anleger weg Richtung Fahrrinne geschoben und dann gedreht. Um anschließend Fahrt aufzunehmen, zurück über den Rhein Richtung Koblenz, zum Deutschen Eck, zur Mosel – diesem zweiten Teil des Weinzaubers, den die Reisenden der Volksstimme erleben wollen.

Das ist der Moment, in dem die Alena schon eher der Vorstellung eines Schiffes gerecht wird. Allerdings ohne wirklich laut zu sein. Dessen wird der Reisende in dem Moment gewahr, in dem ein schepperndes Geräusch zu vernehmen ist: Da hat wohl einer der Flusskreuzfahrer die vakuumbetriebene Toilettenspülung benutzt …

Kurz nach 5 Uhr ist alles vorbei: Das Klangbild der Alena hat sich beruhigt, ist nunmehr geprägt vom Plätschern und Gluckern des Flusswassers, untermalt vom Motorensummen, mit dem das Schiff und seine Passagiere trotz des niedrigen Wasserstandes vorankommen. In gut vier Stunden soll Koblenz erreicht sein, in zwei Stunden beginnt das Frühaufsteher-Frühstück. Genug Zeit also, noch einmal unter die Bettdecke zu kriechen.

Gesprächige Stille auf dem Weg vom Rhein zur Mosel

Liegestütze, Kniebeuge, ein bisschen Yoga – um halb sieben kommt Bewegung in den Tag. Drei Runden Spaziergang auf dem Sonnendeck und die frische, kühle Luft im Rheintal wecken die Lebensgeister. Der Blick wandert immer wieder zu den imposant aufragenden Weinbergen hinüber – Weinrebe an Weinrebe, Rebstockreihe an Rebstockreihe steil aufragend. Die hektische Alltagsbetriebsamkeit an deren Fuß bleibt eine szenische Randnotiz. Der Abstand zwischen Schiff und Ufer ist groß genug, den Verkehrslärm nicht wahrzunehmen.

Das obere Deck der Alena ist in diesem Moment eine schwimmende Insel der Stille. Nur zwei Menschen weit und breit – ein Passagier und der Diensthabende auf seinem Posten auf der Brücke. Auch das bedeutet Flusskreuzfahrt: Trotz der vielen Menschen auf kleinem Raum kann man gut mal mit sich allein sein. Heißer, schwarzer Tee wärmt die Hände inmitten des kühlen Windes, dem ersten Hauch des Spätsommers.

Zwei Decks tiefer gibt es das Kontrastprogramm: eine emsige Geräuschkulisse, das Knuspergeräusch von Brötchen beim Aufschneiden, die aufmerksamen Fragen der Kellner am Tisch, was das Tagesprogramm der Gäste heute vorsieht. Die Volksstimme-Reisegruppe ist um kurz nach halb Acht schon fast vollständig vertreten – an den Tischen wird fröhlich geschwatzt. Von fleißigen Händen emsig umsorgt – mit Kaffee, Tee, Säften und einer Ersatztasse, weil eine andere vor Aufregung ob ihres Einsatzes ihren Inhalt lieber an den Teller darunter abgibt. „Wäre ja auch schlimm, wenn man am Ende dieser Reise darüber meckern müsste, dass alles perfekt war, weil es sonst nicht den Hauch von Kritik anzubringen gäbe“, ertönt es herzlich-humorig am Tisch der Volksstimme-Reisende. Ja, sie fühlen sich ordentlich wohl, die Gäste aus der flachen Börde-Region, – und gut aufgehoben.

Um drei Minuten nach Neun hat die Alena den Anleger an der Mosel erreicht. In zweiter Reihe liegt sie in Koblenz. Einmal über das benachbarte Schiff gestiegen – und schon geht es los, zur spazierenden Erkundungstour durch diese drittgrößte Stadt der Region.

Vom Deutschen Eck zur Kapitänsfitness

Bis zum deutschen Eck, wo Kaiser Wilhelm II. seinem Opa Wilhelm I. ein Denkmal setzte, und Mosel und Rhein miteinander fusionieren, sind es nur ein paar hundert Meter vom Liegeplatz der Alena. Zwar kann Koblenz, das als bedeutendster Weinhandelsplatz am Rhein gilt, mit dem Altstadt-Express erkundet werden. Doch jetzt, wo sich die Sonne wieder einmal hinter den Wolken hervorarbeitet, kommt ein Spaziergang mehr als gelegen. Vom Moselufer über den Rhein hinweggeguckt, ist die Festung Ehrenbreitstein zu erblicken. Eine Kulisse, vor der beinahe ameisenartige Betriebsamkeit herrscht – und zwar in der Luft. Unablässig fährt sie, die Seilbahn, mit der die andere Rheinseite schneller erreicht ist als mit jedem anderen Verkehrsmittel.

Die Seilbahn über den Rhein ist in Koblenz die schnellste Verbindung zur Festung Ehrenbreitstein. Foto: Mandy Hannemann

Der Weg nach oben von unten gesehen: die Koblenzer Seilbahn. Foto: Mandy Hannemann

Helmut Nachtigall und Monika Wilke aus Oschersleben treten die luftige Reise über den Rhein an – und winken den Mitreisenden aus der Börde-Region, die unten vorbeispazieren, aus luftiger Höhe zu. Nur dass die Spaziergänger in diesem Moment nichts davon ahnen. Was über ihren Köpfen gerade geschieht, sehen sie nicht. Im Ungewissen bleiben sie jedoch nicht. Der pensionierte Lehrer gibt die Anekdote später beim gemeinsamen Mittagsessen zum Besten. Zur Freude der Tischnachbarn. Wieder einmal kommen sie so miteinander ins Gespräche, bis das beinahe obligatorisch gewordenen Eis-Dessert verspeist ist und es vor den Fenstern plötzlich dunkler wird. Die Alena hat die erste von neun Schleusen erreicht, die es auf der Mosel zu bewältigen gibt.

Karin Ruprecht aus Eilsleben und Rosemarie Rothe aus Seehausen beobachten das Spektakel vom Sonnendeck aus: „Die Schleuse in Koblenz war Millimeterarbeit“, erzählt Rosemarie Rothe später beim Plausch an Deck. „Das war ganz, ganz knapp. So ist der reingekommen“, beschreibt sie das Erlebte, hält dabei die Hände dicht aneinander, um Schleusenwand und Schiff zu demonstrieren. „Wir standen auf Deck und haben an der Seite geschaut, wie dicht die Wand dran war.“ Für beide eine spannende Sache. Obwohl sie schon im vergangenen Jahr Schleusenerfahrung gemacht haben. Damals an Bord der Katharina, die wie die Alena zu Phönix-Reisen gehört. Damals aber sei mehr Platz in der Schleuse gewesen, weil die Katharina deutlich kleiner ist als die Alena.

Dann plötzlich: Alarm an Deck. Erschrocken geht der Blick Richtung Brücke, auf der gerade Kapitän Mansfeld seinen Dienst tut. Seltsam, irgendwie scheint der Brückenaufbau … zu schrumpfen. Schrumpfen? Nein, das Schiff zieht den Kopf ein, weil eine Moselbrücke in Fahrtrichtung näher rückt. Der Platz nach oben ist knapp. So knapp, dass eine der Kellnerinnen ein halbes Deck höher in Deckung geht. Sie kennt das Spiel schon …

Geschafft, das Bauwerk liegt hinter Schiff, Besatzung und Reisenden. Nun kann auch der Kapitän, der Mann, der wie die Volksstimme-Gäste aus Sachsen-Anhalt stammt, einen Moment seinen Posten abgeben und kurz plauschen. Bei so einer Kreuzfahrt sei es wichtig, „sich auch mal die Beine zu vertreten“. Das gilt für seine Passagiere, aber auch für ihn. „Schön hier, nicht wahr?“, fragt er und gibt gleich noch Tipps für Ausflüge: „Gleich hier hoch zur Reichsburg (bei Cochem), da geht eigentlich ein Sessellift hin, aber ich lauf‘ da immer zu Fuß hoch. Das ist eine schöne Strecke.“ Ein Tipp für den heutigen Abend, „oder morgen ganz, ganz früh. Aber um 7 Uhr wieder an Bord sein“, scherzt Klaus Mansfeld. Damit er mit der Alena pünktlich wieder ablegen kann. „Im Sommer“, so erzählt der Friedrichsbrunner, „mach‘ ich das regelmäßig, morgens um 5 Uhr dort hochlaufen und dann wieder runter. Das ist schön.“

Reisetipp: Die kleinen Weindörfer abseits bekannter Touristenmagnete

Und dann kommt er ein bisschen ins Erzählen: Jede Burg und jeden Weinberg, „der so an den Docking-Plätzen liegt“ entlang dieser Moselstrecke, er hat sie schon erwandert. So also geht Kapitänsfitness. Wie oft er die Strecke bereits gefahren ist? „Woar. Das weiß ich gar nicht, da müsste ich nachschauen.“ So oft also.

 

Klaus Mansfeld schwärmt von der Fluss-Strecke, die er befährt. Der Mann aus dem Harz schätzt vor allem die kleinen Orte entlang der Mosel – eben alles, was nicht ganz so überlaufen ist: „Die kleinen Weindörfer sind genauso schön wie die Touristenmagnete Cochem oder Traben-Trabach – manchmal sogar noch viel schöner und ruhiger.“ Und auch Winningen legt er ans Herz: „Da kann man gut liegen [Anm.: Flussfahrersprech für „mit dem Schiff anlegen“] und schöne Stunden erleben.“ Den Ort macht später auch Kreuzfahrtdirektor Sammy per Schiffsdurchsage schmackhaft – Winningen mit seinem weit geschwungenen Steilhang und den zirka 2,5 Millionen Rebstöcken – bei gerade einmal etwa 2400 Einwohnern.

Na gut, das Date mit dem Ort ist vorgemerkt. Denn auch die Alena wird Winningen ansteuern, allerdings erst bei der Rückreise Richtung Köln. Der heutige Abend ist Cochem vorbehalten. Und dem Genuss dessen, wofür die Moselregion bekannt ist: dem Wein. Es geht zur „Weinprobe im Gewölbekeller„. Das gehört einfach zu so einer Reise – auch für den einen oder anderen Volksstimme-Kreuzfahrer.