Sie haben begonnen, die letzten 24 Urlaubsstunden an Bord der MS Alena. Am frühen Morgen, unbemerkt von den meisten Passagieren, hat die „Weinreise entlang der Mosel“ Winningen erreicht. Eines der schönsten Weindörfer Deutschlands – so gibt es die Tagesbeschreibung her – wartet darauf, dass die flusskreuzfahrenden Passagiere die Glieder recken und die Augen aufschlagen. Mancher wird noch vor dem Frühstück damit beginnen, die Koffer zu bestücken, damit am nächsten Tag – dem Tag der Ausschiffung – das letzte gemeinsame Frühstück ganz entspannt von statten gehen kann.

Aber auch an diesem Dienstagmorgen auf dem Wasser braucht es eines nicht: Hektik. Noch immer gilt die Devise: Es ist Urlaub. Bis zum späten Vormittag wird Zeit bleiben, den kleinen Ort bei Spaziergängen zu erkunden und vielleicht noch eine letzte Urlaubsflasche Riesling zu erstehen. Immerhin gehören zwei Weingüter Winningens zu den besten 100 Weingütern Deutschlands. Eine Information, die jetzt – um 7 Uhr morgens – auch andere Gäste an Bord der MS Alena zur Kenntnis nehmen. Die Kulisse der Geräusche, sie hat an Volumen gewonnen. Das Leben an Bord ist wieder erwacht.

Draußen, vor dem Fenster der Lounge, macht sich aber doch breit, woran jetzt eigentlich niemand denken möchte: grauer Alltag. Das Wetter, das in den vergangenen Tagen so oft mit wärmendem Sonnenschein überraschte, ist grau. Die Luft feucht. Eine Ente zieht träge am Schiff vorbei. Ein Anflug von Schwermut macht sich breit. Selbst die leichten Klaviermelodien, die aus den Lautsprechern tröpfeln, wirken wehmütig. Der hektische Autoverkehr auf der Straße neben dem Schiff, er rückt sie wieder näher, die Routine. Wie gut, dass es dagegen bei Flusskreuzfahrten ein Mittel gibt: auf zum Frühstück, Blick in die herzlich lächelnden Gesichter und das fröhliche „Guten Morgen“ der inzwischen recht eingeschworenen Tischgemeinschaft gern zurückgeben.

Den Vormittag träge auf dem Sonnendeck verbringen oder doch Winningen erkunden? Spätestens als sich der Dunst über dem Tal lichtet, ist die Entscheidung getroffen. Das Örtchen, es hat nicht grundlos häufiger Schönheitswettbewerbe gewonnen. „Pittoresk“ ist der erste Gedanke, der sich auf der Wanderung vom Moseltal hinauf in den Ort, aufdrängt. Das liegt wohl auch daran, dass die kleine Gemeinde gerade ihr Weinfest gefeiert hat. Noch ist Winningen geschmückt, zwischen den Häusern spannen sich die Weinreben, Fahnen an den Giebeln tragen stolz die Wappen. Selbst mitten im Ort wächst der Wein. Wer hier wohnt, muss nur das Küchenfenster öffnen – die Trauben liegen dann beinahe schon im Mund. Kaum eine Straße im historischen Kern, in der nicht ein Weingut beheimat ist.

Süß-klebrige Spätsommer-Idylle in Winningen

Überhaupt, Trauben. Wer den sportlichen Aufstieg nach dem Frühstück nicht scheut, und es geht durchaus mit stärkerer Neigung die Lage hinauf, findet sich schnell wieder im Winninger Domblick. Schwer hängen die kleinen Weinbeeren dick und prall an den Zweigen. Wer hier spazieren geht, den überkommt zwangsläufig die Neugier. Eine Traube stibitzen, vom Saft kosten, aus dem später der viel gepriesene Moselwein werden soll. Das ist er, der Schwund, über den die Weinbauern nicht so glücklich sind. Diese Bemerkung aus der Weinprobe in Cochem, sie kommt hier wieder zu Bewusstsein.

Prall sind die kleinen Beeren, die sich an der Traube dicht an dicht drängen. Voll, rund und so süß ist ihr Geschmack. Der Geschmack der Trauben aus dem Supermarkt ist im Vergleich zu dem, was hier an Winningens Hängen wächst, wie dünner Essig.

Kaum abgezupft, zerplatzen die frischen Beeren so leicht. Der Saft rinnt über die Finger, vermischt sich mit den Resten des morgendlichen Taus, der in der wärmer werdenden Sonne langsam verdunstet. Der hohe Zuckergehalt im Saft sorgt dafür, dass auf den Fingerspitzen sofort ein cremig-klebriges Gefühl zurückbleibt. Als hätte man die Finger ins Honigglas gesteckt. Aus dem Ort erklingt das Läuten einer Handglocke den Hang hinauf. Es bewegt sich zwischen den Häusern. Vielleicht ein fahrender Händler, der die Einwohner der kleinen Gemeinde mit Lebensmitteln versorgt. Dazwischen das fröhliche Lärmen spielender Kinder. Spätsommer-Idylle. Und auf dem Weg zurück zum Schiff, der Gedanke: Ließe sich doch eine dieser Reben, mit den vielen Trauben, nur auf Rucksackgröße zusammenschrumpfen und als Urlaubserinnerung mitnehmen …

Zurück an Bord, die Sonne hat die letzten Dunstschleier vertrieben, laufen auf dem unteren Sonnendeck die Vorbereitungen für die Überraschung des Tages: die Crew hat bei dem schönen Wetter eine mittägliche Grillparty an Deck geplant. Alles freut sich darauf – und genießt die leichte Brise. Noch 78 Kilometer bis Bonn, ganz gemächlich geht es voran.

 

 

Dann: Bonn. Heimatstadt Ludwig van Beethovens, zur Bundesstadt degradierte ehemalige Hauptstadt Deutschlands. Eintauchen in die Großstadt, in die inzwischen beinahe erdrückend warme Luft. Crescendo von Verkehrslärm und wuseligem menschlichen Ameisenhaufen. Es ist das völlige Kontrastprogamm zu den Stationen der vergangenen Tage. Erst hier macht sich richtig bemerkbar, mit welcher Ruhe die Orte entlang des „Weinzaubers“ die Reisenden in den vergangenen Tagen empfangen haben, was die Weite eines Weinbergs wirklich bedeutet. 

Gute Nacht und erholsame Träume.