Babys soll sanftes Schaukeln ja bekanntlich helfen, in den Schlaf zu finden. Mit leichtem Schaukeln hat auch die Alena am Sonnabendabend ihr Fahrt von Traben-Trarbach aus aufgenommen, um die Flusskreuzfahrer der „Weinreise entlang der Mosel“ nach Trier zu bringen. Doch das Treppensteigen auf der Mosel – es hat seinen nächtlichen Tribut gefordert. Schon tagsüber bedeutet das Schleusen im Weintal Millimeterarbeit für Crew und Schiff. Jeder Millimeter zuweit in die eine oder andere Richtung, und aus dem sanften Schaukeln wird ein kräftigeres Wackeln. Das ist auch nachts nicht anders.

Die Alena und ihre Passagiere, sie haben auf dem Weg nach Trier und in den Sonntagmorgen drei Schleusenstufen gemeinsam erklommen – und dabei ein paar ordentliche Stüber kassiert. Zumindest gefühlt. Denn das mit der Wahrnehmung ist so eine Sache: Geräusche und Bewegungen, reißen sie den Menschen aus seinen süßen Träumen, bleiben als intensiver erlebt im Gedächtnis denn im Wachzustand. Das gilt mit festem Boden unter den Füßen genauso wie bei so einer Flusskreuzfahrt. Und die Alena hat in dieser Wackelnacht wohl so manchen mehr als einmal aus dem Schlaf gerissen.

Um kurz vor sechs Uhr an diesem Sonntag, kurz vor dem Ziel in Trier, lohnt es sich dann aber auch nicht mehr, noch einmal Schäfchen zu zählen. Ein paar Runden auf dem Deck drehen … Nein, da fällt es wieder ein. Joggen muss heute Morgen ausfallen. Die Alena hatte ja schon gestern ihre Aufbauten niederlegen müssen, damit sie sich in der Nacht nicht den Kopf an den Brücken stößt. Auch gut. Dann eben zum Frühaufsteherfrühstück – der berühmten Tasse Morgentee. Der Laufschritt, er kann später nachgeholt werden. Wackelfrei, in Trier.


 

Beim Frühstück macht sich die erste Wehmut breit: „Es ist schon Sonntag. Wir nähern uns mit großen Schritten dem Ende der Kreuzfahrt“, meint Edda Bendicks. Umso wichtiger ist es, jeden noch verbleibenden Moment intensiv zu nutzen und mit allen Sinnen zu genießen. Für die einen heißt das: einen faulen Vormittag verbringen. Die anderen starten zur Stadtrundfahrt mit anschließendem Stadtrundgang oder entdecken die Altstadt von Trier auf eigene Faust.

Trier – ein Füllhorn im Spätsommer

Hoch hinaus muss, wer hier tief blicken will. Die Universitätsstadt in ihrer Gänze erfassen, das geht am besten vom Fuß der Mariensäule aus. Und zu Fuß. Jetzt, Anfang September, zeigt sich der Spätsommer in den höheren Lagen Triers von seiner üppigen Pracht. Prall voll hängen die Obstbäume – rotbackige, süße Äpfel und hellgrüne Birnen hängen so dicht und schwer, dass sich die Äste unter dem Gewicht dem Boden entgegen recken. Die Last ist so groß, dass sich unter den Bäumen ein Meer von Fallobst gesammelt hat. Ein schwerer, süßer Duft liegt am Robert-Schumann-Haus in der Luft. In der warmen Sonne faulen die Früchte unbeachtet vor sich hin. Brombeer-Ranken voller Beeren, Walnüsse dicht an dicht im Baum-Geäst – die Weinregion ist ein Füllhorn.

Ein junges Paar hält in seinem Auto: „Do you speak English?“ Mit Kind und Hund im Auto sind sie auf der Suche nach dem Punkt, wo sich Trier von oben beschauen lässt. Schnell folgt die Aufklärung: Die Familie sucht die Mariensäule. Nur den Namen kannten Sie bis zu diesem Moment nicht. Sie haben sie fast erreicht, ohne es zu wissen. Einmal wenden, dann links abbiegen. Weit ist es nicht mehr.

 

Wenig später trifft man sich wieder – der Wanderer und die junge Familie. An eben jener Säule, zu deren Fuß sich ein eindrucksvolles Panorama erstreckt. Wer sich diesen Weg erkämpft hat, der weiß wirklich, was Moseltal bedeutet. Steile Wege, bei denen selbst Ausdauersportler schon mal ins Pusten kommen. Der Kampf gegen die Steigung lohnt sich – auch wenn die letzten Meter im Wald die eher unschönen Auswüchse menschlichen „Kulturgutes“ zum Besten geben. Weggeworfene Kaffeebecher, zerfetztes Papier, Plastikreste. Der Preis der Bequemlichkeit wird jenen serviert, die es sich nicht so leicht machen. Zum Kopfschütteln. Der Blick ins Tal, die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut, das ist die Entschädigung. Genießen, Zeit nehmen zum Sattsehen.

Kurz vor 11 Uhr an diesem Kreuzfahrtsonntag ist das tägliche Schritte-Mindestpensum von 10.000 erreicht. Das schlechte Gewissen, nicht ins Fitnessstudio gehen zu können, darf sich also getrost wieder legen. 6,5 Kilometer Wegstrecke sind zurückgelegt. Beim Aufstieg wurde die große Runde gewählt. Nicht so ganz freiwillig, zugegeben. Aber wer ahnt schon, dass der Weg nach ganz oben in Trier erst einmal nach unten führt, bevor die Stadt ihre steile Herausforderung offenbart.

Trier nur von oben sehen? Wer mitreden will, sollte auch mittendrin gewesen sein. Porta Nigra, der Dom zu Trier, Kirchen und Museen – selbst am Sonntagnachmittag geht es ameisenhaft in der Stadt zu. Spaziergänger, Radwanderer, Führungen – Kaffeegenuss und das obligatorische Glas Moselwein, jeder geht seiner Form der Muße nach. Am liebsten im Freien. Die Kulisse der alten Gebäude, das Fachwerk schaffen dafür den passenden Rahmen. Es ist nicht selbstverständlich, denn viel alte Substanz ist im Krieg zerstört worden. Glücklicherweise wurde es wieder aufgebaut. Sonst hätte Trier kaum ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern könnte. Da nimmt man dann auch in Kauf, dass moderne Leuchtreklame den Wermutstropfen im Gesicht der Stadt darstellt. Es ist der Tribut, den die Gegenwart fordert, um Besucher und Zukunftsfähigkeit der Stadt zu sichern.

Luxemburg – Vorlieben und Abneigungen dicht beieinander

Der Spaziergang durch Trier mündet am frühen Nachmittag an der Alena. Gerade noch rechtzeitig. Der Shuttle-Bus für den Ausflug nach Luxemburg, er wartet bereits. Mit dabei: Brandts. Sie schärmt: „Die Altstadt, die Häuser, Trier ist einfach herrlich. Ich konnte sogar eine Messe im Dom miterleben. Es war beeindruckend.“

Spontan hat sich das Ehepaar aus Magdeburg nach dem tollen Vormittagserlebnis entschlossen, auch Luxemburg zu entdecken. Ihnen steht ein Kontrastprogramm bevor. Noch ahnen sie davon nichts. Im Bus zeichnet der Luxemburger City-Guide Alex das charismatische Bild einer Stadt, deren Geschichte die einer im Mittelalter uneinnehmbaren Festungsstadt ist, geprägt unter anderem von Franzosen, Österreichern und Preußen; deren Burgfelsen aus Verteidigungsgründen bis heute ein Bild abgibt, wie ein Schweizer Käse; die vom großen Herzogtum zum kleinen Großherzogtum wurde. Heute leben in der Stadt 174 Nationen, die neugebaute Straßenbahn fährt innerstädtisch mit Induktion und jeder Luxemburger wächst mindestens viersprachig auf, verrät der Stadtführer auf dem Weg in jene Stadt, in der schnelles Internet inzwischen zu 86 Prozent auf Glasfaser basiert. Davon kann man im nicht einmal 50 Kilometer entfernen Deutschland nur träumen.


 

Die Tour durch Luxemburg, sie beginnt in Kirchberg. Und da ist er dann schon, der harte Kontrast, den Rosemarie Brandt später mit dem einfachen Wort „scheußlich“ kommentieren wird. Der Stadtteil ist Sitz der Banken, der Finanzwirtschaft, der Politik. Beton, Glas und Stahl prägen dieses „neue“ Luxemburg. Am Sonntag wirkt der Stadtteil ausgestorben. Das liegt auch daran, dass die, die Leben hineinbringen, zu großen Teilen Einpendler aus Frankreich, Deutschland und den Niederlanden sind. Das Wochenende verbringen sie lieber zu Hause.

Überhaupt muss niemand nach Luxemburg fahren, um Luxemburg um sich zu haben: Sicherheitsgurte für Auto- und Flugindustrie werden hier produziert, genauso wie die Sensoren, die in modernen Autos in den Sitzen verbaut sind. „Sie sitzen also jeden Tag auf Luxemburg, wenn sie in ihrem Auto sitzen“, gibt Alex zum Besten. Und auch den Seitenhieb auf die US-Politik gibt es: „Ich kann immer nur schmunzeln, wenn Herr Trump von ‚America first‘ spricht“, erzählt Alex. „Ohne Goodyear Luxemburg würde Donald Trump auf Felgen fahren.“ Vorbei geht es an Europaparlament und Europäischem Gerichtshof. Damit das Europazentrum Luxemburg gebaut werden konnte, wurden Bauern um ihre Felder enteignet.


 

Was das Viertel betrifft, das wirtschaftliches Zentrum der Stadt ist, wird es Rosemarie Brandt später mit einem Wort zusammenfassen: „Scheußlich.“ Zu kalt, zu steril. Es fehlt das Charisma. Die Führung durch die Altstadt mit einem waschechten Luxemburger liegt ihr eher. Versteckte, kleine Gassen, alte Mauern, Kirchen – hier fühlt sie sich wohl.

Wohl fühlen sich die Volksstimme-Reisenden auch an Bord der MS Alena: Das Gefühl mitten auf einem Fluss in einem modernen Hotelzimmer untergebracht zu sein, umsorgt – und wenn jedem noch so kleinen Wunsch unmittelbare Aufmerksamkeit zuteil wird, dann ist das erreicht, was Urlaub sein soll: unbeschwert. „Diese Reise ist für mich ein echter Volltreffer“, wird Helmut Nachtigall später beim Abendessen sagen. Die Frau an seiner Seite, Monika Wilke, stimmt zu: „Die Leute sind immer besorgt um einen, sie kümmern sich, sind freundlich. Selbst wenn man ihnen beim Landgang begegnet, wird man lächelnd begrüßt.“ Alles passt – vom Essen bis hin zum vielen Stauraum in den Kabinen. Viele Reisen haben Monika Wilke und Helmut Nachtigall schon gemacht. Wohl haben sie sich dabei immer gefühlt, „aber das hier an Bord, das setzt noch einen besonderen Punkt obendrauf.“

Unbeschwert geht es zu vorgerückter Stunde zu. Es ist Crew-Abend, die Lounge proppenvoll. Noch schnell ein gemeinsames Foto machen von Edda und Dietrich Bendicks, Helmut Nachtigall und Monika Wilke. Sie haben sich hier an Bord erst kennen gelernt, sind bei ihren Tischgesprächen in den vergangenen Tagen aber zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die sich schätzt.

Und dann legt sie los, die Mannschaft. Offenbart verborgene Talente. Loriot-Sketche sorgen für Erheiterung, „Music was my first love“ wird auf dem Klavier angestimmt. Der Kellner, der mittags und abends am Tisch der Volksstimme-Reisenden dafür sorgt, dass es beim leiblichen Wohl an nichts fehlt, er hat eine komödiantisch-schauspielerische Ader.

Die Lacher sind garantiert, die Stimmung steigt. Mit Seemannsliedern und der obligatorischen Bord-Polonaise findet sie ihr Finale. Es wird wieder ruhiger, aber nicht still. Man bleibt beieinander, ins Gespräch vertieft.