Kurz nach halb Vier ist an diesem Sonnabendmorgen die Nacht vorbei. Was den Schlaf vertrieben hat? Ungewiss. Vielleicht war es das Rauschen der Klima- und Belüftungsanlage. Vielleicht zeigen sich aber auch die ersten Effekte so einer Flusskreuzfahrt und es braucht weniger Schlaf, weil die Tage gerade viel gemächlicher, entspannter von statten gehen – zumindest für die Gäste dieser Reise an Bord der MS Alena.

Die Gedanken treiben zurück zum gestrigen Abend: Die Weinprobe in einem der historischen Gewölbekeller von Cochem, sie wird in Erinnerung bleiben. Der Keller war gut gefüllt. Allerdings nicht mit Weinfässern oder Flaschen, sondern mit Menschen. Viele Gäste der Alena haben das Ausflugsangebot genutzt, um die Ergebnisse des traditionellen Winzerhandwerkes mit dem eigenen Genussempfinden zu erkunden. Es war ein humoriger Abend. Nein, nicht „feucht-fröhlich“ oder mit „Wein, Weib und Gesang“. Sondern mit viel frechem Winzerwitz, diversen Zoten, einem – ob der Fülle von Informationen – kaum nacherzählbaren Wissen rund um Weinkultur und Winzerarbeit und ja, auch mehr als einem einzelnen guten Tropfen einer Winzerfamilie, die in diesem Jahr auf 175 Jahre Weintradition zurückblicken kann.

Die Volksstimme-Reisenden Fritz und Rosemaria Brandt waren von diesem Ausflug begeistert: „Cochem ist herrlich, die Lage zwischen den Hängen, besonders in der Abendstimmung“, schwärmt die Urlauberin aus Magdeburg. Und: „Einfach toll erzählt, diese Weinprobe.“ Obendrein war der Ausflug mit Überraschungen gespickt. Nicht nur in Sachen Weinwissen, auch auf dem Gaumen. Sie, die sonst eher die trockenen Weine schätzt, hat sich im Winzerkeller bei „Nummer 4b“ wiedergefunden – einem halbtrockenen 2017er Weißburgunder.

Lachen, Gemütlichkeit, Genuss … Rumpel, rumpel. Schlagartig holen Geräusche an Deck der MS Alena die treibenden Gedanken zurück. Ob die Crew gerade Vorräte für den nächsten Reiseabschnitt an Bord nimmt? Oder nur jemand kurz über die Gangway gelaufen ist, um sich vor dem Ablegen der Alena noch einmal die Beine zu vertreten?

Des Rätsels Lösung bleibt in der Dunkelheit des Morgens verborgen, hinter den dezenten Lichtern, die sich auf dem Moselwasser spiegeln. Es ist inzwischen kurz nach Fünf. Vor den Gästen dieser Flusskreuzfahrt, dem „Weinzauber entlang der Mosel“, liegt ein Tag an Bord des schwimmenden Hotels. Gegen sieben Uhr soll die Alena in Cochem ablegen und Fahrt Richtung Traben-Trarbach aufnehmen. Geplante Ankunftszeit: 14 Uhr.

Ein unbezahlbarer Mosel-Morgen

Eigentlich war auf dem Reiseplan für heute Zell vorgesehen. Der niedrige Wasserstand der Mosel allerdings zwang zum Umdisponieren. „In Zell dürfen zurzeit nur Schiffe mit maximal 110 Meter Länge anlegen“, hatte Kreuzfahrtleiter Sammy gestern bei der Besprechung des bevorstehenden Tagesprogramms wissen lassen. Auf dieses Maß lässt sich die Alena mit ihren 135 Metern nun einmal nicht zusammenschrumpfen. Schließlich ist das Kreuzfahrtschiff kein aufblasbares Gummiboot, bei dem man kurz mal die Luft rauslassen kann. Wer Zell unbedingt sehen möchte, oder dort einen Ausflug gebucht hat, muss darauf aber nicht verzichten. Die Crew hat einen Shuttle-Service organisiert.

Bis zum Nachmittag liegen allerdings noch ein paar Stunden vor den Flusskreuzfahrern. Jetzt, um kurz vor Sieben, ist es erst einmal Zeit, sich die Beine an Deck zu vertreten. Und anschließend wird Kurs auf das Frühaufsteher-Frühstück genommen – ja, so ein heißer schwarzer Tee, der wäre jetzt genau richtig …

Die Luft an diesem Morgen, sie ist beinahe eisig. Doch der Blick, der sich unterhalb des Weinberges in Cochem eröffnet, wo die Alena anliegt, er lässt die Kälte beinahe vergessen: Flach über dem Wasserspiegel der Mosel wabern dünne Dunstschleier, dick wabert der Nebel an den Hanglagen ganz oben. Die Linie zwischen Grün und Grau wirkt, als wäre sie mit einem Weichzeichner in die Landschaft gewischt. Den Blick ein paar Grad nach links verlagert, ist ein Teil der Hanglage am anderen Moselufer in rot-goldenes Morgenlicht getaucht. Ein unbezahlbarer Moment, und fast exklusiv – kaum einer der Flusskreuzfahrer hat sich bislang herausgetraut.

Ein neuer Morgen, ein neues Ziel beim „Weinzauber entlang der Mosel“ voraus. Auf Wiedersehen, Cochem. Foto: Mandy Hannemann

Der Tee ist inzwischen ausgetrunken, die Kühle unter die Windjacke gekrochen. Es wird Zeit, sich mit einem Spaziergang über Deck wieder aufzuwärmen. Da taucht von vorn die Frage auf: „Und, schon auf dem Berg gewesen?“ Kapitän Klaus Mannsfeld ist auf dem Weg zur Brücke und verrät beim kurzen Morgenplausch: „Der Blick von oben ins Tal ist einmalig, den liebe ich.“ Jetzt noch aufzubrechen, dazu ist es zu spät. Die Vorbereitungen zum Ablegen laufen. Die Crew schafft gerade die letzten Säcke mit dem von Bord, was an Müll bei so einer Kreuzfahrt anfällt. Es sind nicht wenige. Der Insider-Tipp vom Kapitän aber wird im Gedächtnis vermerkt – für den nächsten Urlaub.

Traubenträgheit auf dem Weg nach Traben-Trarbach

Ablegen aus Cochem. Kapitän Mansfeld steuert das Manöver von Deck aus. Foto: Mandy Hannemann

Dann wird es hektisch an Deck. Die Alena muss endlich ablegen. Schon jetzt ist das Schiff später dran als eigentlich vorgesehen. „Wir müssen weg“, ruft Kapitän Mansfeld seiner Crew zu. Eilig werden die Sonnendächer abmontiert, damit das Schiff die Brücke voraus unterqueren kann, ohne Schaden zu nehmen.

Gute Aussichten beim Frühstück. Die Sonne leuchtet durch das Fenster im Restaurant. Es verspricht einen sonnigen Tag. Foto: Mandy Hannemann

Den zupackenden Männern dürfte inzwischen – ob des Arbeitstempos – gut warm sein. Die eigenen Finger hingegen kribbeln in der kühlen Luft, der Spaziergang wird fortgesetzt – im Laufschritt. Nach zehn runden Joggen an Deck ist die Kälte aus dem Körper getrieben, die Lebensgeister sind wach – Zeit fürs Frühstück. Das fällt zwischen drei Tassen Kaffee, Obst und Müsli vor allem in Sachen Gespräche über vergangene Urlaubsreisen und Lebensgeschichten reichhaltig aus. Sibille und Konrad Drachenberg aus Schönebeck haben so einige zu erzählen. Man verquatscht sich, es wird Vormittag …

Auf der MS Alena macht sich Trägheit breit. In der Lounge werden Karten gespielt, Stricknadeln klappern leise. Ein paar Neugierige drängen sich nahe der Bar, gelehrt wird dort die Kunst des Servietten-Faltens. Die meisten Gäste jedoch hat die Sonne nach draußen gelockt. Hier übt sich die süße Kunst des Nichtstuns.

Nichtstun – scheinbar keine leichte Aufgabe. Die Herausforderung wird nach dem Mittagessen angenommen: bequem zurücklehnen in den flachen Sitzgruppen des Lounge-Decks. Die Nase in die Sonne recken, den Wolken zuschauen, wie sie vorbeitreiben. Was den Trauben an der Rebe um diese Zeit gut tut, kann dem Menschen für einen Moment nicht schaden: rumhängen und Energie tanken. Sonne, Gesprächsgemurmel, die leichte Brise – das macht schläfrig. Wegdämmern.

Die Titanic und der Eisberg – mitten im Moseltal

Von der Brücke hinter den Lounge-Sitzen erschalt plötzlich energisches „Anker klar machen.“ Das klingt zwar ungewöhnlich. Ein Grund, die Augen hinter der Sonnenbrille zu öffnen, ist das noch lange nicht. Nur die Ohren bleiben gespitzt. Dann nochmal. Jetzt mit mehr Nachdruck der Ruf: „Anker klar machen!“ Augen auf. Der Zweite Kapitän sprintet von der Brücke vorbei Richtung Bug. Die meisten Passagiere haben sich von ihren Plätzen erhoben, strömen an die Reeling. Und erst in diesem Moment rückt ins Bewusstsein: Moment mal. Es sieht aus, als würde die Alena in den Weinberg fahren …

Das schwimmende Hotel steht fast im 90-Grad-Winkel mit dem Bug in einem steilen Hang voller Rebstöcke. So sieht es vom niedrigen Lounge-Sofa zumindest aus. Zwischen dem Weinberg und der Straße unterhalb ist gerade noch Platz. Es macht der Scherz die Runde: „Jetzt müssen alle aussteigen und schieben.“ An Deck haben einige Passagiere die Smartphones gezückt, sie machen Fotos von der ungewöhnlichen Situation. Unten an Land fast dasselbe Bild. Ein paar Radfahrer haben Halt gemacht. Jetzt fotografiert man sich gegenseitig. „Fast reingefahren ist er in die Leitplanke …“, tönt es von einer der anderen Sitzgruppen. Der Gedanken an die Titanic und ihren Eisberg … er kommt erst sehr viel später.

Dann laufen die Maschinen wieder an. Erst in diesem Moment fällt auf, wie still es eben noch war. Die Alena richtet sich zur Fahrrinne aus, geht wieder auf Kurs. Und die Gespräche laufen heiß. Gerade noch haben die Passagiere träge in der Sonne gedöst, nun sind alle aus der Trägheit gerissen. Die Luft ist schwanger von Motorenabgasen. „Das hat ja nicht mal richtig geknirscht“, ist ein Gespräch weiter hinten zu vernehmen. „Vielleicht haben sie ja noch rechtzeitig Anker werfen können“, lautet die Antwort darauf.

Was war da gerade los? Die Frage im Kopf kaum zu Ende gedacht, meldet sich Klaus Mansfeld per Bord-Lautsprecher – ganz sachlich: „Hier spricht der Kapitän. Wir hatten eine kleine technische Störung, ein Maschinenausfall. Bei Schäden und Verletzungen melden sie sich bitte an der Rezeption.“

Eine Volksstimme-Reisende, Ute Krugel aus Haldensleben, die ihren Aussichtspunkt am Bug der Alena gerade verlassen hat: „Eine kleine Weide hat es entschärft.“ Das alles hat nur wenige Minuten gedauert. Es ist Viertel nach Zwei. Die Alena sollte in diesem Moment eigentlich in Traben-Trarbach liegen, die Shuttle-Busse nach Zell warten schon. Ob die gebuchten Ausflüge noch stattfinden können?

Kreuzfahrtdirektor Sammy ist die Ruhe in Person. Alles gut gegangen, ein paar Kratzer am Schiff, scheinbar nichts Ernstes. „Offenbar ein Maschinenschaden, es wird wohl ein Mechaniker an Bord kommen.“ Umschalten auf Normalmodus. Sammy erzählt per Bordansage von Traben-Trarbach, von den baulichen Eigenheiten des Ortes und dem hier ansässigen ältesten Minigolfplatz Deutschlands …

Keine zehn Minuten später macht die Alena in Traben-Trarbach fest. Ganz aus den Köpfen ist das Ereignis aber noch nicht. Bendicks, die an der Rezeption geduldig auf die Freigabe für den Landgang und ihren Ausflug nach Zell warten, unterhalten sich: „Ich hab‘ noch mitbekommen, wie der in die Steine rein ist. Das hat geknirscht …“, erzählt Dietrich Bendicks und zieht dabei die Augenbrauen hoch. Seine Frau Edda auf den Einwurf, dass eine Maschine ausgefallen ist: „… da tut der Fluss dann sein Übriges, um so ein großes Schiff vom Kurs abzubringen.“

Vom hohen Berg ins tiefe Moseltal – der Weinberg-Moment

Dann gehen sie auf, die Türen. Über die Gangway drängen die Passagiere gelassen in Richtung Busse. Endlich. Wieder Land unter den Füßen. Die meisten strömen in Richtung der wartenden Busse nach Zell. Einige wenige, brechen zum Spaziergang durch Traben-Trarbach auf.

Die über dem Ortsteil auf der anderen Moselseite aufragenden steilen Weinberge wirken wie eine Einladung. Warum nicht einfach jetzt den Rat des Kapitäns vom Morgen befolgen? Den Berg hoch …

Doch wo, bitte, geht’s nach oben? Der Weg wird sich schon finden. Erst einmal hinein in den Ortsteil auf der anderen Moselseite. Nach dem trägen Tag an Bord wird ein schnelles Spaziertempo angeschlagen und … da, die kleine Gasse hat ein wahrnehmbares Gefälle nach oben. Vorbei an Häusern, in deren Vorgärten das Birnen, Äpfel und Pflaumen prall und reif an den Bäumen hängen, gerät ein unscheinbarer, kleiner Weg ins Blickfeld.

Da der Zufall bei diesem „Weinzauber entlang der Mosel“ in den vergangenen Tagen schon so manche Überraschung parat hatte, wird der Spaziergang dort fortgesetzt. Es ist die richtige Entscheidung. Ein kleines Schild gibt den Pfad schließlich als Moselpfad zu erkennen. Immer höher führt der Weg, der nun zur befestigten kleinen Straße wird, hinauf – entlang Hunderter Rebstöcke. Und endlich gibt sich der Blick frei hinab aufs Tal, wo die Alena tief unten im grünlich schimmernden Wasser der Mosel liegt … Erhaben.

Foto: Mandy Hannemann