Sprechfunk vor der Kabinentür, das Rauschen und Piepen des kleinen Funkgerätes, mit dem sich Mannschaftsmitglieder über und unter Deck verständigen. Es 3.32 Uhr. Die MS Alena gibt zu dieser frühen Stunde intensive Manövriergeräusche von sich. Draußen ist es dunkel, nur ein paar Lichter glänzen auf der Wasseroberfläche.

Es sind die Lichter von Traben-Trarbach, nicht von Piesport. Dass die Alena wieder vor dem Buddha-Museum unterhalb des Ortsteils Trabach festmachen würde, Kapitän Mansfeld hatte es beim Klön auf dem Kabinenkorridor kurz vor Mitternacht schon angedeutet. Noch am Abend war umdisponiert worden. Das noch laufende Weinfest in Bernkastel-Kues zwang dazu, denn bei so großen Veranstaltungen haben die Tagesausflugsschiffe Vorrang. Schifffahrtstermine, sie lassen sich nicht in Stein meißeln. Schließlich ist das elementare Medium dieser Reise das Wasser. Wer an, auf und mit diesem zuweilen launischen Wesen arbeitet, muss sich anpassen. Wer auf ihm reist, vertraut darauf, dass die Organisatoren an Bord immer einen Plan B und C in petto haben. Fahren die Busse, die die Gäste zu ihren gebuchten Ausflügen nach Bernkastel-Kues bringen sollen, eben von Traben-Trarbach, statt von Piesport. Kreuzfahrtdirektor Sammy bekommt das schon hin. Ist ja nichts Neues für ihn.

Mit diesem Vertrauen kann der Tag beginnen. Um kurz nach Sechs auf Deck. Die Luft ist überraschend mild im Moseltal. Als hätte es die eisigen Morgenstunden der vergangenen Tage nicht gegeben. Guten Morgen in Trarbach, guten Appetit beim Frühstück.

Am Vormittag zerstreut sich die Gruppe wieder zwischen geführten Ausflügen und Erkundungstouren auf eigene Faust in Bernkastel-Kues. Ein malerisches Örtchen, mit kleinen Gassen und Geschäften. Einige bleiben auf Deck oder erlaufen das, was sie zuletzt von Traben-Trarbach noch nicht gesehen haben. Die Gassen hier sind merklich leerer als noch am Sonnabend. Die meisten Straußenwirtschaften, so nennen sich die Weinwirtschaften entlang der Mosel, haben geschlossen. Der Bär, er steppt hier vor allem an den Wochenenden.

Am Nachmittag, die Alena hat inzwischen wieder Fahrt aufgenommen, dann die Einstimmung auf die nächsten Stunden: Kreuzfahrtdirektor Sammy avisiert den Kapitänsempfang am Abend, die dienstbaren Geister kennen lernen, die in den vergangenen Tagen dafür gesorgt haben, dass der Aufenthalt auf diesem schwimmenden Hotel so angenehm unkompliziert verläuft. Um die Rezeption drängen sich immer wieder Gäste. Endlich sind sie da, die Bilder der Bord-Fotografin vom Anreisetag. So viele Impressionen sind in den vergangenen Tagen verewigt worden – mit der Kamera, dem Smartphone. Doch dieses Foto vom ersten Tage – es wird in vielen Koffern einen Platz finden. Manchem Reisenden wird es als Initial dienen, um die Erinnerungen an die Reise auf der Alena punktuell wieder wachzurufen. Und, wer weiß: Vielleicht wird das Foto früher oder später auch dazu dienen, sich noch einmal für eine Kreuzfahrt zu entscheiden.

Auch wenn die Gedanken sich in diesen Stunden wieder stärker dem eigenen Zuhause zuwenden, zurückkehren in das Vertraute, die Überlegungen an den nächsten Urlaub werden schon jetzt angestellt. Beim Spaziergang über Deck – inmitten einer der Moselschleusen, deren Tore sich gerade öffnen, um die MS Alena wieder freizugeben für den nächsten Abschnitt dieser Reise beim „Weinzauber entlang der Mosel“.

Leichter Niesel hat eingesetzt. Das Deck leert sich. Ein Blick auf die Uhr verrät: Es ist Zeit, in die Kabine zurückzukehren. In wenigen Minuten soll der Kapitänsempfang beginnen. Die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes werfen sich in Schale. Die sportlich-bequemen Outfits, in den vergangenen Tagen allgegenwärtig, werden getauscht gegen Eleganteres. Nein, keine Abendkleider, an denen Frau ohnehin den ganzen Abend zuppeln würde, damit ja alles richtig sitzt. Aber doch das eine oder andere Kleid, der schicke, aber bequem Hosenanzug mit glitzernden Effekten. Und bei den Herren das Sakko. Mancher hat sogar eine Kravatte angelegt, die schwarzen Schuhe sind gewienert.

Vor der Lounge stehen die Damen der Bar-Crew, reichen den Gästen das Gläschen Sekt oder Orangensaft, mit den die Reisenden dann an Kapitän Mansfeld – bei dieser Repräsentationsaufgabe in Gala-Uniform, versteht sich – vorbeiflanieren. Ein kurzer Schwatz, die Lounge füllt sich, kaum ein Platz bleibt frei.

„Das Schönste neben dem Reisen ist der Kontakt mit den Menschen“, lässt Kreuzfahrtdirektor Sammy in dieser Stunde vernehmen und wir ein wenig persönlicher. Für ihn sei es die erste Saison als hauptberuflicher Kreuzfahrtdirektor. In denen vergangenen Jahren hatte er sich dieser Aufgabe immer nur sechs Wochen lang, im eigenen Urlaub, gewidmet. Die Entscheidung, nun noch einmal umzusteigen, er bereut sie nicht.

Das Mikrofon wechselt den Träger. Klaus Mansfeld begrüßt die Menschen, die in den vergangenen Tagen auf seine Qualitäten als Schiffsführender vertraut haben. Zu Recht – auch in unerwarteten Situationen: „Eine kleine, abenteuerliche Einlage hatten wir auch„, erinnert er. „Sie haben sie alle gut weggesteckt, wie ich sehe.“ Und dann stellt er sie vor, seine Crew. Die Männer und Frauen, deren Gesichter in den zurückliegenden sechs Tagen omnipräsent waren, deren Namen allerdings in ihrer Gänze kaum jemand kannte. Bulgarien, Serbien, Holland, Indonesien, Polen, die Slowakei, Tschechien, Bosnien, Deutschland – nicht nur die Menschen kommen an Bord der MS Alena zusammen. Auf dem Flusskreuzfahrtschiff trifft sich auch die Welt.

Und die Welt ist Genuss – das zeigt sich beim anschließenden Gala-Abendessen. Chef de Cuisine, Christian Zacharias, stellte seine Leute vor. Und weiht in die Geheimnisse der Küche ein: 42.000 Geschirr sind in den vergangenen Tagen in der Küche gespült, 180 Kilogramm Kartoffeln geschält worden. Und das alles in einer kleinen Bord-Küche. „Hut ab vor dieser Leistung“, lautet die einhellige Meinung an einem der Tische, an dem sich die Reisenden der Volksstimme an diesem Abend versammelt haben.

Dann wird es dunkel. Zeit für den obligatorischen Küchenhöhepunkt. Den Moment, der so oft in den Trivialgeschichten auf der flimmernden Mattscheibe gezeigt wird. Die Küchencrew entzündet das Feuerwerk auf den Eisbomben, flaniert mit den Lichtern durch das Bord-Restaurant, angefeuert vom rhythmischen Lobesklatschen der Gäste. Schon satt von den Gängen zuvor? Egal, Eis passt immer.