Finnland-Abenteuer im Pulverschnee

Finnland-Abenteuer im Pulverschnee

Tag zwei in Finnland. Wie soll ich die vergangenen zwölf Stunden in Worte fassen? Wie beschreibt man das Gefühl, mit einem Schneemobil über einen zugefrorenen See zu düsen, hinein in dicht verschneite Wälder, um dann einen Blick vom Berg hinab ins winterliche Tal bei Vuokatti zu werfen? Obendrein am selben Tag Skifahren zu lernen und direkt die Piste abwärts zu düsen? Halb auf dem Hosenboden, halb rückwärts! Nur um anschließend von Huskys abgeschleckt zu werden, bevor es im Schlitten, den die Hunde ziehen, hinein in die Nacht und durch den knackig-kühlen Winterwald geht? Dieser Tag fühlt sich jetzt – kurz vor Mitternacht – an, wie einen Film im Vorspulen-Tempo zu schauen.

Von Mandy Hannemann

Dieses Finnland-Abenteuer ist ein Non-Stop-Abenteuer. Jede Minute Pause ist eine verschwendete. Jede Sekunde der zwölf Stunden draußen möchte ich anhalten, um sie minutenlang noch einmal erleben zu können. Gerade weil das Express-Programm des Tages eines ist, dass – um es wohl voll auskosten zu können – eigentlich mindestens eine Woche braucht. Allein schon, weil die schneebemützten, flachen Häuser – ganz allein in der Weite der Wälder stehend – so viel Ruhe ausstrahlen. Dieses oft beschriebene Winterwunderland gibt es wirklich, auch wenn der Begriff kitschig ist und das Unmittelbare dieser finnischen Idylle unzureichend beschreibt. Im Moment des Blickes darauf scheint die Zeit stehen zu bleiben, trotz der Schlag auf Schlag folgenden Eindrücke.

Winterlandschaft in Haapala
Morgens mit diesem Ausblick aufwachen – großartig. Foto: Mandy Hannemann

Aber von Anfang an. Morgens direkt der Blick aus dem Bett auf die unberührte Schneedecke. Einfach liegen bleiben und genießen … Aus den fünf Minuten Liegenbleiben werden zehn, wird eine Vierstunde, eine Stunde. Eigentlich will ich gar nicht aufstehen. Nur genießen. Na gut, doch ab unter die Dusche. Griff zum Shampoo, einschäumen. Was riecht hier nach Smoker? Das Schampoo. Es ist Teer-Schampoo. Gemacht mit dem Holzteer, der auch dem Porter-Bier der Happala-Brauerei seinen charakteristischen Duft verleiht. In Finnland beginnt das Abenteuer unter der Dusche. Und geht weiter beim Frühstück. Traditionell gehört dazu Porridge. Wie bei den Briten. Nur fällt die Mischung aus in Wasser zu einem wärmenden Mahl gekochten Haferflocken hier salzig aus. Mag ich. Mit jedem Happen mehr. Ganz besonders mit dem hausgemachten Beerenkomptt mit Zimt. Das hausgebackene Brot lockt die anderen in der Gruppe. Der Energieschub wird sich später noch bezahlt machen.

Später – das beginnt im Safari Center von Samuli Junttila mit der Verwandlung in ein Michellin-Männchen. Dicker Schutzanzug, schwere Stiefel, Sturmhaube, Helm und Handschuhe. Wie gut, dass ich darin nur bis zum Schneemobil gehen und keinen Marathon laufen muss. Dafür ist es mollig warm. Noch wärmer wird‘s, als Guide Greg, den es von Australien einer Finnin wegen in die nordische Kälte verschlagen hat, die Handhabung der nach Motorroller mit Skiern aussehenden Gefährte erklärt. Hier wird nicht mitgefahren, ich fahre selbst. Vorsichtig Gas geben. Es ruckt. Ein bisschen mehr, ab geht die Fahrt. Rein in die erste, ganz leichte Kurve. Das Snow-Mobil (deutsch: Motorschlitten) zu lenken, ist ungewohnt. Bloß nicht gegen den nächsten Baum donnern. Oder gar nach rechts vom Weg abkommen. Da geht es abwärts.

Zwischenstopp auf einer riesigen, weiten Fläche (das es ein zugefrorener See ist, wird mir erst auf der Rückfahrt wirklich bewusst). Greg fragt, in breitem Englisch, ob alles in Ordnung ist. Ich erkläre ihm, dass ich Probleme habe, meinen fahrbaren Untersatz im Zaum zu halten, also in die richtige Richtung zu steuern. „Einfach mehr Gas geben“, meint er mit einem Grinsen. Er kennt das schon, mit den Snow-Mobil-Safaris verdient er seinen Lebensunterhalt. Der Tipp, schneller zu fahren, funktioniert. Die Handhabung wird besser, der Blick wagt sich vorsichtig in die Landschaft. Hier in den Hügeln sind die Bäume jetzt schneebemützt – und dann öffnet sich der Blick ins Tal. Bei dem strahlenden Sonnenschein, der den ganzen Tag andauern wird, wirkt der Horizont endlos. Unbeschreiblich schön. Und weiter geht’s. Wir queren eine Straße, kreuzen immer wieder Loipen (die Wälder sind ein Langlaufparadies) und legen einen Zwischenstopp ein.

Idyllisch lehnen alte Ski vor einem Gebäude, das Urigkeit ausstrahlt. Das Rekikesti Café war einmal eine Schule. Gregs Frau hat hier noch Unterricht erlebt. Es ist gemütlich drinnen, es ist echt. Keines von diesen neuen In-Cafés, die den nordischen Stil in die Moderne zwängen. Holztische, ein Klavier, Tonkrüge mit Johannisbeersaft auf den Tischen. Nebenan steht ein Schaukelstuhl, ein Kinderbuch liegt auf dem Tisch. Skifahrer, Wanderer, Snowmobil-Fahrer werden im Café – das auch für private Feiern gemietet werden kann – bewirtet, stärken sich mit wärmenden Suppen und frischem Brot, Rhabarberkuchen und kräftigem Kaffee. Alles selbst gemacht. Ein Genuss.

Dann geht es zurück. Viel zu schnell ist das Abenteuer Snow´-Mobil vorbei, gerade dann, wenn die Fahrt so richtig Spaß macht und wenn sich Tempo 30 – was in der Stadt oft genug quälend langsam erscheint – rasend schnell anfühlt. Weiter geht es zum Snowboard-Tunnel. Ein Schneetunnel für Snowboard-Fahrer mitten im Schnee? Ernsthaft? Klar. Im Sommer wird hier auf Wintersport nicht verzichtet. Oder auf eine Rutschpartie mit dem großen Reifen die Tunnelpiste runter. Da haben Kinder und Erwachsene ihren Spaß.

Überhaupt – Familien. Vuokatti als Wintersportort setzt auf Familienangebote. Bei den 13 Pisten handelt es sich überwiegend um blaue und rote Piste, also für Anfänger und Freizeitfahrer geeignet. Die Pisten sind nicht zu anspruchsvoll und nicht zu lang, die längste bietet eine Distanz von 1,1 Kilometern. Zwei schwarze „Slopes“ dienen dem hohen Anspruch. Die Saison beginnt im Dezember und reicht bis Ende April. Richtig viel los ist um Weihnachten und Silvester. Und natürlich während der finnischen Winterferien, erzählt Lauri Suutarinen, der seinen Wintersportbetrieb hier vor gut 18 Jahren gegründet hat. Da war er gerade 20 Jahre alt, erzählt uns Guide Marcus später. Hotels, Restaurants, ein kostenfrei nutzbarer Ski-Bus, der die ohnehin kurzen Wege im Wintersport-Abenteuerland Vuokatti noch kürzer macht. Pistenspaß von morgens bis abends.

Jetzt müsste ich nur noch Skifahren können … Kein Problem. Die Skischule ist direkt vor Ort. Die Skilehrer sind fit …

Skilehrerin in Vuokatti
Mit Skilehrerin Roosa geht es auf die Piste. Auf Skiern stand sie schon mit drei Jahren. Foto: Mandy Hannemann

Rein in die schweren, unbeweglichen Skistiefel. Fühlt sich im ersten Moment an wie Beton an den Füßen. Die Hürde Ski zu fahren, beginnt nicht auf der Piste. Sie ist schon beim Laufen nur mit diesen Schuhen zu nehmen. Dann Skier ausleihen, direkt an der Piste. Das geht schnell und noch schneller geht’s ab in den Schnee. Rein in die Ski-Bindungen. Klick. Passt. Und dann fahren sie, die Ski. Rückwärts. Wildes Rudern mit den Armen. Mit dem, was Skilehrerin Roosa als Entengang bezeichnet, geht es dann aber doch noch vorwärts. Und mit den nächsten Anleitungen gelingt sogar ein kurzes Stück Fahrt. Die Bewegung ist so ungewohnt, dass ich prompt auf dem Hosenboden lande. Ski-Versuch – Klappe, die erste.

Es werden zwei, drei und mehr Bruchlandungen. Die Piste rauf ist leichter, als die Piste runter. Ganz zu schweigen vom Einhängen in den Lift – das einfache Fließband kommt erst später dran -, vom Kurvenfahren, vom steileren Hang. Und bremsen. Wo, bitte, ist die Bremse? Ach ja, ich. Die Skilehrerin beweist Engelsgeduld, motiviert, gibt Tipps. Irgendwann – ja: mit sehr viel Ski-Lehrer-Hilfe – klappt es dann ohne Hilfe. Ein Hochgefühl. Die Lernkurve im Finnland-Urlaub liegt bei 100 Prozent. Drei Stunden sind um. Viel zu schnell. Dass die Zeit vergeht, ist hier in bester Sonnenlage nur daran zu merken, dass die Sonne irgendwann hinter den Bäumen verschwindet und die Kälte in bewegungslosen Momenten auf der weitläufigen Pistenanlage spürbar wird.

Ein heißer Tee wäre jetzt schön. Den Wunsch können sich Familien direkt am Pistenvergnügen erfüllen. Ich wärme die kalt gewordenen Finger nach fünf Minuten Busfahrt im kleinen Café des Husky Center von Vuokatti Safaris, im kleinen Hyvölänkylä in Sotkamo, knappe vier Kilometer von Vuokattis Pisten entfernt. Es wird eine meisterliche Begegnung. Nicht nur mit einem, sondern mit gleich elf finnischen Champions – zehn von ihnen sind Sibirische Huskys. Medaillen, Urkunden und Pokale künden von den Erfolgen Kimmo Laasonens und seiner Hunde. 89 Tiere leben zurzeit auf der weitläufigen, gepflegten Anlage. Die Welpen werden hier geboren, wachsen auf, werden ausgebildet und für die Safaris und Wettkämpfe trainiert. Alles liegt in einer Hand. Nur die Namensgebung für die Husky-Welpen erfolgt bisweilen per Facebook.

Kimmo nimmt sich Zeit, erzählt von seinen Rennen, von der Ausbildung der Hunde, wie er überhaupt dazu kam, die Husky-Farm hier draußen zu gründen. Wie es ist, mit 15 km/h als Musher – so heißen die Schlittenlenker – durch die Wälder zu fahren. Wie er, der einmal Reise und Touristik studiert hat, hier 2004 seine eigene Husky-Farm gegründet hat. Aber vor allem davon – natürlich -, was die Hunde leisten können. Bis zu 250 Kilometer schaffen auf lange Distanzen trainierte Huskys in 24 Stunden. Kimmos Champions sind nicht darauf angelegt. Sie sind Athleten.

Und sie wollen laufen, was sie mit Bellen und Jaulen jedem, der sich ihnen nähert, kundtun. Tuchfühlung mit den Hunden gehört hier dazu. Wir stecken inzwischen in dicken, warmen Overalls, für die ich später noch dankbar sein werde. Die Huskys fordern Aufmerksamkeit, bekommt der eine Streicheleinheiten, will der nächste auch welche – und macht lautstark auf sich aufmerksam. Wer Hunde liebt, ist hier genau richtig. Gesichter werden abgeschleckt, für Guide Marcus fällt die Begrüßung buchstäblich umwerfend aus. Die Hunde kennen ihn. Zeit für die Einweisung – ins Hundeschlitten-Fahren. Wer hier ins Safari-Center kommt, darf selber Musher sein, kann das Gefühl hautnah erleben. Den Schlitten lenken. Wobei die Hauptarbeit für den Musher das Bremsen ist. Gas geben die Hunde von allein.

Warmes Willkommen im Husky-Safari-Center. Foto: Mandy Hannemann

Nach der Express-Videoschulung gibt es eine weitere Einweisung, direkt am Schlitten. Dann wird den Hunden das Geschirr angelegt. Ihr Bellen und Jaulen wird ohrenbetäubend. Sie wissen, gleich dürfen sie rennen, was das Zeug hält. Ich steige in den Schlitten, nehme Platz auf einem Rentierfell, bekomme eine Decke, ziehe die Schlittenhülle darüber. Reisebegleiterin Tanja gibt den Musher. Und los geht sie, die wilde Fahrt hinein in den Wald. Es ist fast ganz dunkel draußen. Auf der Strecke hat immer nur ein Schlitten Platz, hier wird in Reihe gefahren. Viel Platz zum nächsten Baum ist nicht. Die Perspektive – praktisch auf Hundeaugenhöhe – ist ein Adrenalin-Erfahrung. Noch mehr für Tanja, die sich auf Steigungen im Gelände, Kurven und die schmale Spur für die Hundeschlitten konzentriert. Aber auch mein Adrenalin-Pegel schnellt nach oben, habe ich doch den direkten Blick auf das Gespann.

Der Schnee knirscht unter den Kufen. Die Pfoten der Hunde werfen Schnee auf, der mir im Schlitten entgegen fliegt. Auch wenn es eigentlich windstill ist, wird der Fahrtwind auf der zwölf Kilometer langen Schlittenfahrt, der sogenannten Nordlicht-Tour, eisig spürbar. Trotz der dicken, gefütterten Stiefel des Husky-Centers fühlen sich meine Zehen eingefroren an. Aber das ist es wert. Die Hunde stecken ihre Energie nicht nur ins Geschirr, sondern auch ineinander. Vor dem Schlitten herrscht Tumult. Wildes Schnappen, heftiges Balgen – mitten in der schmalen Schlittenspur im Wald, wo der nächste Baum kaum eine Armlänge entfernt ist. Das Gerangel wird so heftig, dass sich einer der Hunde aus dem Geschirr reist. Musher Tanja stoppt abrupt. Um uns herum ist es stockdunkel. Ein wenig mulmig ist mir zumute. Der Gedanke im Kopf: Bloß gut, sind wir hier draußen nicht allein. Die Tour wird professionell begleitet. Trotzdem fühlt es sich wie eine Ewigkeit an in der kalten Dunkelheit, bis Greg, der die Tour auf dem Motorschlitten begleitet, schließlich eingreift und den Husky wieder ins Geschirr spannt.

Noch zweimal ereilt uns das gleiche Schicksal in dieser Nacht. Schlussendlich werden die Hundepaare neu geordnet, damit die Tiere ihre Energie ins Laufen stecken und nicht in die Rangordnung. Denn genau darum ging es bei der wilden Balgerei. Das erklärt uns Kimmo, als wird später ins Safari-Center zurückkehren. Der Husky, der vor unserem Schlitten „einstecken“ musste, ist noch jung – quasi in der Ausbildung. Die Balgerei ist die Lehrmethode der Hunde untereinander, um Rang und Aufgabe zu klären.

Inzwischen ist spät geworden. Die vergangenen zwölf Stunden sind wie im Flug vergangen. Ist das wirklich alles passiert? Ist es wirklich schon 21 Uhr? Ich bin doch gerade erst aufgestanden … Aber ja, im Restaurant „Kippo“ des Break Sokos Hotel in Vuokatti wartet schon ein wunderbares Abendessen – mit regionalen Produkten vom Bauernhof Huuskolas. Die Küche des Restaurants hat sich auf die lokale Lebensmittelkultur spezialisiert. Die Gruppe genießt Rentier-Steak und Teer-Eiscreme mit dem charakteristischen Smoker-Duft, der mir heute Morgen unter der Dusche begegnete. „Ein Gaumenorgasmus“, bringt es Marcus auf den Punkt. Nur mein Teller mit dem veganen, sehr leckeren Menü, bleibt fast unberührt. Ich bin vom Tag – kann es nicht anders in Worte fassen – geflasht. Ich habe mich wortwörtlich sattgesehen …