Tatort historische Reitkunst

Tatort historische Reitkunst

Grau beginnt dieser Morgen. Trüber Niesel liegt über Magdeburg. Zu Beginn der Saison-Abschlussfahrt 2018 zeigt sich der Oktober nicht von seiner goldenen Seite. Anders ist es mit der Stimmung der Reisenden. Erwartungsfrohe Spannung liegt in der Luft, hier und da tönt ein herzliches „Hallo“, gibt es die eine oder andere Umarmung. Denn ein guter Teil der Reisenden gehört zu denen, die echte „Wiederholungstäter“ sind.

Das hat in diesem Moment zwar wenig mit einer der Destinationen dieser Volksstimme-Reise – der „Tatort“-Stadt Münster – zu tun. Doch Wiederholung ist das verbindende Element: wieder ein Jahr, das sich dem Ende neigt, mit einem kleinen Urlaub krönen, was mancher schon über Jahre tut; und sich sonntäglich vor dem Fernseher versammeln, um mit dem „Tatort“ eine lange währende Tradition deutschen Fernsehkrimi-Gutes zu leben.

Noch aber liegen Münster und die Suche nach Spuren der Fernsehserie in der Stadt der Radfahrer und des Westfälischen Friedens weit vor den beiden Bus-Reisegruppen. Der Plausch im Bus drängt die graue Trübe-Tassen-Stimmung draußen in den Hintergrund. Mancher gönnt sich in den Vormittagsstunden noch eine Mütze voll Schlaf. Schließlich ist ein Teil der Gäste, unter anderem aus dem Harz, schon seit Stunden unterwegs. Das ist der kleine Wermutstropfen, den die Wiederholungsreisenden jedoch gern auf sich nehmen – schon seit mehreren Jahren nacheinander.

Volksstimme-Reisende ergründen das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter

Bei gemütlichem Geplauder, heißen Getränken, Lunch-Tüten-Geraschel, untermalt von der „Reisemucke“ die Busfahrer Winfried dezent über die Buslautsprecher rieseln lässt, verfliegt die Zeit. Schnell ist kurz hinter Hannover der erste große Zwischenstopp erreicht: Bückeburg. Die Residenzstadt am Rand der Norddeutschen Tiefebene lockt mit ihrem Hubschraubermuseum Besucher, die ein Faible für Luftfahrt und Technik haben. In Bückeburg wird aber auch eine Jahrhunderte alte Kunst – wieder – gelebt. Und genau die steuern die Volksstimme-Reisenden jetzt an.

In der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg geht es um Reitkunst. Genauer gesagt: italienische Reitkunst. Mit den Wettkämpfen, die heute im Fernsehen gezeigt werden, hat das wenig zu tun, werden die Besucher aus Sachsen-Anhalt später erfahren. Hier gilt das Credo: „Der Wettkampf ist der Tod der Kunst.“ Die Philosophie der Fürstlichen Hofreitschule in Bückeburg – einer von nur noch fünf Hofreitschulen weltweit – geht es um die Partnerschaft von Pferd und Reiter, um das Miteinander zwischen Mensch und Tier. Es geht um Vertrauen, nicht um Zwang, gibt die Direktorin der Hofreitschule Christine Krischke zu verstehen.

Reithalle der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg
Gespanntes Warten in der Reithalle der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg. Foto: Mandy Hannemann

Eingemummelt in warme Mäntel und Decken verfolgen die Reisenden den „Tanz“ auf Hufen, den die Reiter in historischen Kostümen und die Hengste der Hofreitschule trainieren. Ihre Kunst zu zeigen, davon lebt dieses Museum der tanzenden Hufe. Die Vorführung von Christine Krischke und ihren Mitarbeitern ist kurzweilig und erfüllt von den Prinzipien einer Reiterphilosophie, die ihre Wurzeln nicht im Hobby kennt, sondern im Alltag: Pferde als schnelle Verbindung zwischen den Orten, vor allem aber zwischen den Kriegsschauplätzen. So sehr die Kunst im Wort Reitkunst auch zu betonen ist – und historisch betrachtet immer auch als Kunst gelebt wurde, bis hin zu der Tatsache, dass mit kunstvollen Vorführungen reiterischen Könnens schon Kampfhandlungen zwischen verfeindeten Herrschaften befriedet wurden -, ist die italienische Reitkunst eine, die darauf trainierte, dass Pferd und Reiter Schlachten zu schlagen hatten.

Schlachten müssen die Hengste der Bückeburger Hofreitschule heute nicht mehr schlagen. Einen kleinen Wettkampf, den kennt dieses lebendige Pferdemuseum dann doch, geben Pferde und Reiter den Besuchern aus Sachsen-Anhalt dann doch zum Besten: das Ringreiten. Schon im Mittelalter eine Tradition. Allerdings keine, die den Pferden Höchstleistung abverlangt, sondern eher das menschliche Geschick fordert: Im Galopp nämlich muss der Reiter mit einer Lanze einen kleinen Ring aufnehmen. In höfischen Gesellschaften und Turnieren sollte das die Damen der Gesellschaft beeindrucken. Der Mensch und seine Eitelkeiten.

Bückeburg ist mehr als einen Spaziergang wert

Brücken schlagen zum Gestern, darauf setzt die Bückeburger Hofreitschule, die sich als lebendiges Pferdemuseum versteht und beinahe vergessenes Wissen seit 2004 wieder mit Leben erfüllt. Und das mit 22 Hengsten aus elf Pferderassen. Wobei das lebendige Pferdemuseum auf historische Rassen setzt: Lusitanos, Frederiksburger, Lipzianer – um nur einige zu nennen. „Warum keine Stuten?“ Nur eine der Fragen, die die Volksstimme-Reisenden nach der Vorführung brennend interessiert. Die Antwort fällt beinahe menschlich aus: Weil die Stuten den Hengsten eben den Kopf verdrehen.

Pferde und Reiter der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg
Reiter und Pferde der Fürstlichen Hofreitschule in Bückeburg. Foto: Mandy Hannemann

Nach diesem aufschlussreichen Blick in die Welt einer alten Tradition wird es Zeit, sich die Beine zu vertreten und die Kühle zu vertreiben, die sich trotz warmer Decken in den Knochen breitgemacht hat. Ein Spaziergang durch die großen Parkanlagen des Schlosses Bückeburg lohnt sich. Am besten gekrönt von einem schönen Kaffee oder Tee. Und natürlich dem Stückchen Kuchen. Das muss im Urlaub ein sein.

Und so früh, wie dieser Tag begonnen hat, neigt er sich langsam seinem Ende. Die Fahrt geht weiter nach Hamm. Hier klingt der Tag aus, bevor es am nächsten Tag an den Tatort des „Tatort“ geht. Auf nach Münster.